Am nächsten Morgen stehen wir vor den Skisprungschanzen von Predazzo und fühlen uns sehr klein. Allein der Gedanke, von dort hinunterzuspringen, reicht aus, um ziemlich weiche Knie zu bekommen. Über allem thronen die Olympischen Ringe und erinnern daran, dass hier vor einigen Monaten Spitzensportler um Medaillen kämpften. Nun ist es still. So schnell wird aus einem monatelang geplanten Sport-Event Geschichte.
Unterwegs im Trentino
Zwischen Geigen und Gipfeln
Veröffentlicht am 29.07.2026 | 4 Minuten Lesedauer
Das Val di Fiemme im Trentino braucht keine große Inszenierung: Wasserfälle, Wald und ein grandioses Bergpanorama erzählen ihre ganz eigenen Geschichten. Eine Reise in ein Stück wenig bekanntes Italien.
Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die gezackten Gipfel der Dolomiten in warmes Licht. Früh am Morgen gehört das Leben auf dem Campingplatz „Club del Sole“ noch den Vögeln – und den Hunden, die mit ihren Menschen zur ersten Gassi-Runde des Tages aufbrechen. Das Val di Fiemme scheint beschlossen zu haben, sich von seiner schönsten Seite zu zeigen.
Natur und Stille
Bis vor wenigen Wochen war Trentino in meinem Wortschatz nur irgendeine Region in Italien. Dabei läuft hier vieles so viel entspannter ab als zum Beispiel im benachbarten Südtirol. Auf den Wanderparkplätzen ist eigentlich immer eine Lücke frei und irgendwie stehen vor allem zwei selten gewordene Dinge im Mittelpunkt: Natur und Stille.
Ohne es zu wissen, haben wir von Paneveggio schon viel gehört. Somit ist das Ziel des ersten Tages gesetzt: Der Geigenwald! Seit Jahrhunderten wachsen hier die Resonanzfichten, trotzen Stürmen und schlechtem Wetter. Ihr Holz erzeugt einen Klang, den Instrumentenbauer und Musiker auf der ganzen Welt schätzen. So entstehen daraus unter anderem Violinen, Bratschen und Klaviere.
Stradivari und das Trentino
Einer gerne erzählten Legende nach soll auch Antonio Stradivari hier nach dem perfekten Holz gesucht haben. Ob der geniale Geigenbaumeister wirklich zwischen den riesigen Fichten unterwegs war, weiß heute allerdings niemand so genau.
Wir starten unsere Tour am Besucherzentrum und folgen dem „Sentiero Marciò“. Der Weg führt entlang des Travignolo-Bachs durch den Wald. Das Wasser rauscht zwischen den Bäumen, Brücken überspannen kleine Schluchten und immer wieder fällt der Blick auf mächtige Fichtenstämme. An manchen sind die Spuren von Spechten zu erkennen, ab und an huscht ein Eichhörnchen durch die Zweige.
Am Passo Rolle
Nach einer Stunde sind wir zurück. Keiner mag sich so recht von diesem Platz trennen, also gibt es erst einmal eine kleine Auszeit mit Bergkäse und frischem Brot. Danach fahren wir einfach noch ein bisschen den Berg rauf. Die steile Straße windet sich Kurve für Kurve zum Passo Rolle. Und mit jedem Höhenmeter verändert sich die Landschaft ein bisschen mehr. Einsame Hütten stehen am Rand und der Wald wird weniger. Stattdessen prägen steile Felswände und Steine das Bild.
Oben angekommen schnüren wir die Wanderschuhe, während eine Gruppe Mountainbiker vorbeirollt. Wir lassen uns Zeit. Nichts scheint hier richtiger zu sein. Am Abend sitzen wir lange draußen. Langsam färben sich die Berge wieder golden, dann rot, bevor das Licht schließlich ganz verschwindet. Das ist ein Moment, in dem man am besten gar nicht redet. Die Pläne für den nächsten Tag sind ohnehin gemacht. Also einfach schweigen und genießen.
Ein kleiner Rest Olympia
Weltklasse: Auf der Skisprungschanze von Predazzo wurden 2026 die olympischen Wettbewerbe ausgetragen.
Im gut 13 Kilometer entfernten Cavalese wartet dann das Kontrastprogramm. Das Getöse des Wasserfalls ist ohrenbetäubend. Der Weg bis nach oben ist zwar nicht besonders weit, aber stellenweise recht steil. Wenigstens spenden die großen Bäume angenehmen Schatten. Also los! Denn es wartet eine spektakuläre Belohnung: Eine Brücke führt direkt über das brodelnde Wasser. Rund zwanzig Meter stürzt es in die Tiefe, umgeben von schroffen Felsen und dichtem Grün. Wieder zurück am Fuß des Wasserfalls laden Bänke und Tische zu einer Pause ein.
Kleine Gassen, ruhige Stunden
Lust auf einen Becher italienisches Eis? In Cavalese gibt es das und noch viel mehr: kleine Geschäfte mit regionalen Spezialitäten, Wein und schöner Kleidung. Da lohnt sich ein entspannter Bummel. Nach einigen Tagen im Val di Fiemme bleibt aber am Ende vor allem eines: Hier geht es nicht darum, möglichst viele Ziele auf einer Liste abzuhaken. Dieses Tal lädt dazu ein, unterwegs zu sein – und immer neu zu entdecken.
Iris-Vanessa Voltmann hat das Trentino gut gefallen
Weitere Informationen finden Sie unter www.visittrentino.info.
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