Ab 1982 entstand neben dem Werksgelände in der ehemaligen Direktorenvilla das Porzellanmuseum. In verschiedenen Räumen können die Besucherinnen und Besucher die Entwicklung und Trends der Tafelkultur im deutschsprachigen Raum bis ins 21. Jahrhundert anhand von Prunkstücken, Zierartikeln, Figuren, Alltags- und Gastronomiegeschirr erleben.
Bayerische Porzellanstraße: Auf den Spuren des „weißen Goldes“
Auf den Tischen der Welt
Veröffentlicht am 11.02.2026 | 3 Minuten Lesedauer
Seit mehr als 200 Jahren wird in der Region Selb im Fichtelgebirge Porzellan hergestellt. Das staatliche Museum „Porzellanikon“ präsentiert an zwei Standorten die deutsche Porzellangeschichte anhand von Prunkstücken, Alltagsgeschirren und industriellen Fertigungsprozessen. Es ist eine Reise durch die Geschichte des einst so wertvollen „weißen Goldes“.
Selblinge heißen die kleinen weißen Porzellan-Kobolde. Spitze Nasen und große Hüte sind ihre Markenzeichen. Früher sollen sie durch Wiesen und Wälder rund um das Städtchen Selb nahe der tschechischen Grenze gestreift sein. Ihre positiven Eigenschaften und Kräfte geben sie immer noch gerne an jeden Menschen weiter, der ihnen begegnet, heißt es. Treffen kann man sie heute wieder im „Porzellanikon“ in Selb und Hohenberg an der Eger im Fichtelgebirge. „Seit 2004 entsteht jedes Jahr ein neues Wesen“, sagt Hauptkuratorin Petra Werner während eines Rundgangs durch das Museum in Hohenberg: „Ihre Namen erhalten sie nach einstigen Fabrikanten und deren Ehefrauen.“
Carl Magnus „Carolus“ Hutschenreuther begründete die Porzellanwelt im Fichtelgebirge anno 1814. Im väterlichen Betrieb in Wallendorf in Thüringen hatte er das Handwerk des Porzellanmalens erlernt. Mit einer Kiepe voller Waren, also einem Tragekorb auf dem Rücken, zog er durch Oberfranken, um Kaufinteressierte zu finden. „Auf Burg Hohenberg verliebte er sich in die Tochter des Oberförsters und blieb. In den Räumen der Burg eröffnete er eine Porzellanmalerei“, informiert Petra Werner. „Die Weißware bezog er zunächst weiter aus Thüringen. Bald entdeckte er, dass das Fichtelgebirge alle Ausgangsstoffe für die Porzellanherstellung lieferte: Feldspat, Quarz und Kaolin, ein weißes, eisenfreies Gestein.“ Nach vielen bürokratischen Hürden erhielt er 1822 endlich eine Konzession, eigenes Porzellan fertigen zu dürfen.
Trends der Tafelkultur
Im "Porzellanikon" in Hohenberg an der Eger werden Tee- und Kaffeekannen unterschiedlicher Hersteller gezeigt.
Als Carl Magnus Hutschenreuther 1845 mit nur 51 Jahren verstarb, führten seine Witwe Johanna und die erwachsenen Kinder das Werk weiter. Doch der älteste Sohn Lorenz sehnte sich nach Eigenständigkeit und wollte eigene, innovative Wege gehen. 1856 kam es zu einem Großbrand im benachbarten Weberstädtchen Selb, dem fast alle Häuser zum Opfer fielen. Zwei Porzellanreliefs erinnern an dieses tragische Ereignis. 3.000 Menschen wurden obdach- und arbeitslos. Eineinhalb Jahre später eröffnete Lorenz seine eigene Porzellanfabrik im Ort. Die beiden Hutschenreuther-Betriebe entwickelten sich fortan als zwei unabhängige Unternehmen mit Weltruf. Erst 1969 fusionierten sie zur Hutschenreuther AG. Im Jahr 2000 kam die Firma unter das Dach des Mitbewerbers Rosenthal, der inzwischen Teil eines italienischen Konzerns ist, aber weiterhin im Fichtelgebirge produziert.
Große Konkurrenz
Auch im 19. Jahrhundert schlief die Konkurrenz nicht. Die Hutschenreuthers blieben nicht die einzigen Porzellanhersteller. „Immer mehr Firmen eroberten den Markt. Um 1900 waren es allein in Selb mehr als 20“, weiß die Kuratorin: „Philipp Rosenthal gehörte nicht zum Kreis der Pioniere. Im Alter von 24 Jahren kam der gebürtige Westfale 1880 in die Stadt, um Räume im Schloss Erkersreuth zu pachten und betrieb darin vorerst eine Porzellanmalerei. Damit legte er den Grundstein für die weltweit bekannte Firma Rosenthal.“ Der zweite Standort des „Porzellanikons“ befindet sich in einer stillgelegten Rosenthal-Manufaktur in Selb-Plößberg. Nach und nach entwickelte sich hier ein Industriemuseum.
Ehemalige Porzelliner wie Andreas Gießler zeigen, wie und unter welchen Bedingungen Produkte hergestellt wurden. Der gelernte Industriekeramiker führt zur Dampfmaschine und zur Trommelmühle, die mit ohrenbetäubendem Lärm Quarz und Feldspat zu Pulver zerrieb, danach zur Kammerfilterpresse, die der Porzellanmasse Wasser entzog und sie in große Scheiben presste. Schließlich geht es zum Gipsformenbau, zur Dreherei und Gießerei. „Nach dem zweiten Brand, dem Glattbrand, kommen die Gegenstände um circa 14 Prozent geschrumpft aus dem Ofen“, erklärt Andreas Gießler: „Diese Schwindung bei Anfertigung einer Form einzuberechnen, erfordert gute Fähigkeiten der Modelleure in Mathematik und Physik.“
Gießkarussell mit Gipsformen zur Herstellung von Teekannen im "Porzellanikon" in Selb.
Die Rezession begann um 1990. Osteuropäische Erzeugnisse und vor allem günstige Ware aus Fernost überschwemmten den Markt. Ein Hersteller nach dem anderen wurde von der Konkurrenz übernommen oder meldete Konkurs an.
Vor der Kirche St. Andreas in Selb plätschert ein Brunnen. Er besteht aus 60.000 weißen, blauen, türkisen und goldenen Porzellanplättchen. Die weißen Säulen symbolisieren die einst rauchenden Schlote der Fabriken. Im „Porzellanikon“ bleibt diese glorreiche Zeit lebendig. Und auf Selblinge trifft man dort heute auch noch.
Dagmar Krappe mag schönes Porzellan
Alles Wissenswerte zur Region bietet die Tourismuszentrale Fichtelgebirge e. V., unter fichtelgebirge.bayern. Informationen zum Porzellanikon gibt es unter porzellanikon.org.
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