Naturzeit in Büsum

Freudentänze im Watt

Veröffentlicht am 30.09.2025 | 4 Minuten Lesedauer

Zu sehen ist ein Seehund der im seichten Wasser liegt.
Foto: Christian Colista - stock.adobe.com

Bei Ebbe tobt an Büsums Küste das Leben. Seevögel, Robben und der kleine Saubermann, der Wattwurm, zeigen sich den Feriengästen. Wer das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer mit allen Sinnen erleben will, ist hier richtig.

Wattpräsident Momme Claussen hüpft gut gelaunt über den nassen Sand. Mit seiner meerblauen Kappe und dem Hemd aus grobem Stoff sieht er aus wie aus einer anderen Zeit. Hinter ihm schunkelt eine ausgelassene Schar von Badegästen durch das Watt. Was nach einem spontanen Freudentanz aussieht, ist in Büsum bereits seit 125 Jahren lokales Brauchtum: Im Jahr 1900 engagierte ein Kurgast aus Hamburg eine Straßenkapelle und forderte sie dazu auf, ihn ins Watt zu begleiten. Das ungewöhnliche Spektakel kam so gut an, dass es auch 2025 nichts von seiner Attraktivität eingebüßt hat.

Wattpräsident in bester Stimmung

Für beste Stimmung bei diesem illustren Spaziergang ist grundsätzlich der Wattpräsident verantwortlich. Momme Claussen (59) füllt das Amt nun schon seit sechs Jahren aus. Unterstützt wird er an diesem Spätsommertag von der Hamburger Gruppe „mahoin“. Mit ihrem mitreißenden Shanty-Style bringen die Musiker alle in Schwung. Die Ebbe steht vor ihrem Höhepunkt, wo sechs Stunden zuvor noch Fische und Robben durch das Wasser glitten, ist nun nichts als kahler Meeresboden. Dieser Eindruck täuscht natürlich!

Zu sehen ist der Wattführer mit einer Schar Gäste im Watt vor Büsum.
Foto: Iris-Vanessa Voltmann

Momme Claussen wandert mit einer gut gelaunten Schar Gäste durch das Watt vor Büsum.

In bester Gesellschaft

Ganz in der Nähe schiebt Johann Franzen einen Rollstuhl mit großen Ballonreifen über den Sand. „Wir haben zwei davon“, erzählt Maike Otto von Tourismus Marketing Büsum, die neben ihm geht. So sei es barrierefrei möglich das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer zu entdecken. „Das kostenlose Angebot wird gerne angenommen“, ergänzt Johann Franzen. Seit bald 40 Jahren führt er Besucherinnen und Besucher in das Watt. Dass sogar die UNESCO diesen Naturraum gewürdigt hat, ist für ihn eine große Auszeichnung. Denn damit befindet sich der gut 11.500 Quadratkilometer große Lebensraum zwischen dem dänischen Esbjerg und dem niederländischen Den Helder weltweit in bester Gesellschaft mit anderen Naturwundern wie dem Grand Canyon in den USA oder dem Great Barrier Reef in Australien.

Tierische Putzkolonne

Wer sich mit Johann Franzen auf den Weg macht, hat im besten Fall eine Menge gelernt und danach ein viel besseres Verständnis für das Watt und seine Bewohner. Der 71-Jährige kennt sie alle. Natürlich auch den Publikumsliebling, den Wattwurm. Die Tiere leben unter der matschigfeuchten Oberfläche. „Dort fressen sie fast unablässig Sand“, erklärt Franzen. Die Wattwürmer, von denen sich rund 30 Stück einen Kubikmeter Sand teilen, pflügen die oberen 20 Zentimeter des schlickigen Bodens permanent um. „Ein Wurm schafft bis zu 1,2 Kubikmeter Wattmasse im Jahr.“ Damit sind die Tiere so etwas wie die lokale Putzkolonne.

Johann Franzen hat viel zu erzählen. Über die zahlreichen Vögel, Muscheln, Seesterne, Robben und natürlich auch die Gefahren im Watt. „Wer sich nicht auskennt, bleibt am besten draußen oder nimmt an einer Führung teil“, sagt er. Denn bei Flut verändert sich die Landschaft rasend schnell. „Das kann zur tödlichen Falle werden.“

Foto: Crusher - stock.adobe.com

Robben auf der Spur

Wattpräsident Momme und seine rund 200 Wattläufer sind in der Zwischenzeit zum Halten gekommen. Jetzt ist Eierlaufen angesagt. Ein paar kräftige Männer werden zu Hindernissen erklärt. Mit ihrer fragilen Fracht müssen die Kontrahenten um sie herum und über den glitschigen Boden laufen. Das geht nicht ohne Unfälle ab. Das Publikum johlt begeistert.

Die Büsumer sind fest mit ihrer Heimat verbunden. Jeder kann etwas über seine Erlebnisse mit dem Watt erzählen. Karl-Heinz Kolle ist Koch und Wirt des Fischrestaurants „Alter Muschelsaal“. Als er von seiner nebenberuflichen Arbeit als Seehund­jäger erzählt, klingt das zunächst befremdlich. Doch der 62-Jährige kennt diese Reaktionen. „Es ist wirklich anders als es sich anhört, wir sind die Jagdaufsicht im Nationalpark und kümmern uns um alle Marinesäuger“, versichert er und zieht zum Beweis sein Smartphone aus der Tasche. Auf dem Bildschirm schaut ein flauschiges Robbenbaby mit großen Kulleraugen in die Kamera. „Unsere Aufgabe als Seehundjäger ist es verletzte und verwaiste Tiere zu finden und sie im besten Fall zu retten“, erklärt er.

Mit Meerwasser getauft

Wer das Watt noch aus einer anderen Perspektive erleben will, findet in Büsum eine weitere schöne Möglichkeit. „Bei Fang­fahrten kann man nicht nur die Fischer bei der Arbeit beobachten, sondern auch an Bord den Lebensraum Wattenmeer hautnah und zum Anfassen erleben“, sagt Maike Otto und muss lachen. Wattpräsident Momme ist dazu übergegangen, die Gästeschar mit Meerwasser zu taufen. Dabei ist er keineswegs sparsam. Die „Täuflinge“ schütteln sich nach der Prozedur wie nasse Hunde. Spaß haben dennoch alle. Ohne Menschen wie Momme Claussen, Johann Franzen oder Karl-Heinz Kolle wäre das Watt für viele von ihnen vielleicht nur eine große graue Fläche. Doch sie schaffen es, dass daraus ein lebendiges Paradies wird, das alle mit Respekt behandeln und mit Freude genießen.

Iris-Vanessa Voltmann

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